Galanterie
Jede Frau unterwirft sich im Lagerleben und auf Bällen ganz bewusst den Regeln der zwischenmenschlichen Beziehungen des vorletzten Jahrhunderts. In der Gegenwart oftmals sehr eigenständig und selbstbewusst im Alltag fällt es uns nicht immer leicht
den Schalter auf „Weibchen“ umzulegen. Wenn nur alle anwesenden Männer unsere Bemühungen honorieren würden, fiele uns die bewusste Unterwerfung auch nicht schwer. Aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die meisten Vertreter des starken Geschlechts ungeniert fluchen, rülpsen (nach vorn und hinten!) und sich auch sonst
nicht im geringsten galant uns gegenüber verhalten.
Wie ich dem Lexicon der Sittsamkeit von A-Z entnehmen konnte, ist der „Umgang mit
dem schönen Geschlecht die Schule der Weltbildung“. Nun möchte ich nicht allen Männern generell mangelnde Bildung unterstellen, aber Nachhilfe hat noch niemandem geschadet. Und leider ist in unserer Gegenwart in den letzen Jahrzehnten die Aus- bildung im höflichen Umgang miteinander auf der Strecke geblieben.
Nehmt Euch daher bitte einige Minuten Zeit und lasst Folgendes auf Euch wirken.
„Im Benehmen des Mannes gegen das andere Geschlecht wird das feinste Gefühl und die größte Zartheit der Gesinnung gefordert. Jedes unsittliche Wort, jede unbescheidene und unanständige Handlung wird hier doppelt gefühlt und mit Nichtachtung gestraft. Ein Band umschlingt die ganze weibliche Schar, wie wenig einig sie auch sonst untereinander sein mögen, so dass durch die einer einzigen Frau widerfahrene Unbill sich alle beleidigt fühlen…
Du wirst im Umgang mit dem weiblichen Geschlechte glücklich sein, wenn Du folgende Regeln beobachtest:
1. Versäume nichts in deinem Äußeren. Kleide dich gut, modern, anständig.
2. Sei in deinem Benehmen charakterfest, würdevoll, ernst. Fasse die Stimmung der Gesellschaft, in welcher du dich befindest, richtig auf und schließe dich der Stimmung
an, die eben herrscht. Ein heiterer lustiger Mann gewinnt zu Zeiten mehr, als ein trübgestimmter und allzu empfindsamer. Das weibliche Geschlecht liebt, in der großen Mehrzahl, die Oberfläche des Lebens mehr, als die Tiefe. Was daher Freude und Genuß des Daseins, öffentlichen Vergnügens und Außenleben berührt, findet immer Anklang
bei ihm.
3. Zeige dem schönen Geschlecht die größte Achtung; beobachte gegen Frauen und Mädchen alle Regeln der Feinsitte und Artigkeit. Hüte dich aber, besondere Umstände etwa ausgenommen, ein weibliches Wesen zum alleinigen Gegenstand deiner Verehrung im geselligen Kreis zu erlesen. ….
4. Zeige dem weiblichen Geschlechte die schönste Seite deines Charakters. Männliche Geistesstärke, Energie und Würde im Handeln und Benehmen gewinnt auf die Dauer immer das Frauenherz. Beobachte daher deine Äußerungen, selbst deine Empfin-dungen genau und aufmerksam, denn der Weiber Auge ist scharf und was der gelehrteste Mann aus deinem Innern nach jahrelangem Studium deines Charakters
noch nicht erforscht, entdeckt das Falkenauge des Weibes nach einem halbstündigen Gespräch…“
Joseph Ebersberg, „Das Buch vom guten geselligen Tone“ Wien, 1834
Gert Richter, "Belehrendes und erbauliches Lexicon der Sittsamkeit von A-Z", Prisma Verlag 1977, Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH